Pêle-Mêle

Kreative Prozesse in der Teamarbeit — Forschungsprojekt
Book and Typo, Concept, Corporate Design, Graphic Design, Illustration, Text

Ein Projekt, zwei Gestalterinnen, drei Experimente, 150 Tage und jede Menge Zusammenarbeit. In drei Experimenten wurden innerhalb von 150 Tagen drei Formen der Zusammenarbeit erforscht. Dabei waren waren wir selbst die Probanden und arbeiteten als kleinstmögliche Form des Teams — dem Duo — zusammen. Es wurde getestet, untersucht, analysiert, dokumentiert und entstanden sind drei Hefte, die auf unterschiedlichen Ebenen ihre gewonnenen Erkenntnisse präsentieren: Ein ›Prospekt‹ zeigt fotografisch die Ergebnisse der Einzelprojekte, ein ›Begleitheft‹ hält die Arbeitsprozesse und die dadraus gewonnen Erkenntnisse schriftlich fest und ein ›Vademekum‹ begleitet das Experiment auf theoretischer Ebene. 

pêle-mêle Experiment Designresearch Design Forschungsprojekt Kreative Teamarbeit Buch

Pêle-mêle ist ein Projekt, an dessen Ende nicht nur viele Ergebnisse stehen, sondern indem die Verworrenheit von Arbeitsprozessen deutlich gemacht wird. Es ist ein Projekt, in dem es nicht in erster Linie um das Gestalten, sondern viel eher um das Erforschen — dem Gewinnen von Erkenntnissen — geht.

»Bei einem schöpferischen Kopf, keucht mir, hat der Verstand seine Wachen von den Toren zurückgezogen. Die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen.« (Schiller an seinen Dichterfreund Körner

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Alle drei Experimente unterlagen verschiedenen Regeln, nur der Zeitraum von je vier Wochen blieb bei jedem Experiment gleich. 

Experiment Nr. 1: Das erstes Experiment stand unter dem Titel ›Co-Creation — Die synergetische Kooperation‹. Hier wurde gemeinsam an einem Thema gearbeitet. 
Das Experimentierfeld bildete dabei der QR-Code. Innerhalb der vorgegebenen Zeit von vier Wochen sollten nicht nur Ideen gesammelt, sondern diese auch ausgewertet und umgesetzt werden. Dabei durfte ohne Absprache NICHT eigenständig gearbeitet werden.
Die Idee hinter den QR-Codes im Alltag ist, das Menschen durch einen einfaches scannen mittels ihres Smartphones Informationen abrufen, abspeichern und weiterverarbeiten können. Wir stellten uns die Aufgabe, diese Technologie zu nutzen und zugänglicher zu gestalten. Dabei suchten wir nach neuen Ansatzpunkten, diese ›gewinnbringend‹ in unseren Alltag einzubinden, was zu einer Re-Interpretation des QR-Codes führte.

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Experiment Nr. 1, Versuchsverlauf Nr. 1: In dem ersten Teil unseres Experimentes bildet der QR-Code das Muster eines gestrickten Topflappens und übernimmt somit nicht nur die Funktion des ›Sich-nicht-die-Finger-Verbrennens‹, sondern wird auch zum Informationsträger in Form von Kochrezepten. Im zweiten Durchlauf wurden die Topflappen mit QRs durch Textilplots versehen. 
Ein Topflappenpaar trägt die Verschlüsselung für einen Hefe- und einen Mürbeteig — natürlich nach Omas Rezept. Auf der einen Seite des Topflappens befindet sich der Hinweis für die Zutaten, auf der Rückseite, die Information zur Zubereitung. So ergibt sich eine Verbindung zwischen zweckgebundener und informeller Ebene und dem guten alten Topflappen mit Muster wird eine neue Funktion zugetragen. Unsere Intention dabei: Bewährtes weiterzugeben, vorhandene Flächen neu zu nutzen und auf die Technologien der heutigen Zeit einzugehen. Zudem sollte die Hemmschwelle zu dieser Technologie durch Neugierde und Witz gesenkt werden. 

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Experiment Nr. 1, Versuchsverlauf Nr.2: Für das zweite Produkt in unserer QR-Code-Reihe wählten wir Schmuck aus. Schmuck der als Informationsträger dient und durch den sich der bisher rein ästhetische Nutzen mit einem praktischen verbinden sollte. Die entstandenen QR-Ketten sind unsere Interpretation von ›Bling-Bling-Ghettoketten‹ die oftmals ebenso eine Botschaft bzw. einen Inhalt enthalten. 

Die Informationen, die die Ketten jetzt tragen, sind teilweise einzelne bildhafte Begriffe wie ›schmuckes Kästchen‹, als auch nützliche Informationen, wie die DIN-Formate, die wir viel zu oft von neuem nachschauen müssen oder aber auch ein Witz, der in vielen Situation durchaus sehr nützlich sein kann!

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Experiment Nr. 2: Das zweite Experiment stand unter dem Titel ›Two-Gether — Die additive Kooperation‹. Nachdem wir also intensiv im ersten Experiment zusammen gearbeitet hatten, beschlossen wir den gegenteiligen Weg einzuschlagen. Wir hatten beide das Bedürfnis wieder autark voneinander denken zu können und das bedeutete für uns, zunächst unabhängig voneinander, an einem gemeinsamen Thema zu arbeiten. Erst im letzten Schritt wurden die Ergebnisse zusammengefügt, um daraus ein gemeinsames Endprodukt zu schaffen. 

Wir entschieden uns, innerhalb dieses Experimentes ein Corporate Design für uns als Team zu entwickeln. Dabei stellten wir uns als Aufgabe, eine Papier und Druckerpatronen schonende Variante zu entwickeln.

Im ersten Schritt des Experimentes versuchten wir also getrennt voneinander erste Logoentwürfe zu entwickeln. Nach einer Woche trugen wir unsere Ideen und Scribbels zusammen und entwickelten aus dem Pool der Entwürfe und Ideen ein gemeinsames Ganzes. Der Vorteil an dieser Herangehensweise: Wir hatten zuvor schon öfters den Versuch starten wollen, ein Erscheinungsbild für uns zu entwickeln. Da wir aber beide unterschiedliche Vorstellungen im Kopf hatten, gingen wir dem Problem immer wieder aus dem Weg. Die Aufgabenstellung passte jedoch wunderbar in unser Projekt und wir hatten somit auch die Möglichkeit uns aus der Metaebene zu beobachten. Alles was wir vorab theoretisch zu Kommunikation, Feedback, Kritik und Konflikten erarbeitet hatten, konnten wir nun an uns selbst einem Realitätstest unterziehen.

Durch den getrennten Start hatten wir beide die Möglichkeiten, zunächst alle Ideen zu verwirklichen, ohne dass die andere diese vorab zerlegte und man das zarte Pflänzchen der gerade entstandenen Idee gleich verteidigen musste. So blieb keine Idee auf der Strecke und es ergab sich ein großer Ideenpool, aus dem geschöpft werden konnte. 
Das Zusammentragen wurde regelrecht zelebriert. Wir nahmen uns viel Zeit und Ruhe dafür, mehr als man es im normalen Arbeitsalltag getan hätte. So hatte wir die Möglichkeit wirklich verstehen zu können, was hinter der Idee des kreativen Gegenübers steckte. Nach der getrennten Arbeitsphase war die Freude und Spannung auf das Feedback des Teampartners groß. Die anschließende Zusammenarbeit war dementsprechend wirklich produktiv. 

Neben Logo, Visitenkarten, Briefpapier und Co entstanden auch Einrichtungsgegenstände für unser erstes Büro wie z. B. flexible Rollwagen aus Obstkisten.

pêle-mêle Experiment Designresearch Design Forschungsprojekt Kreative Teamarbeit Rollwagen Obstkasten flexible Büroeinrichtung

Experiment Nr. 3: Unser drittes Experiment stand unter dem Titel ›Mash•up der digitalen Normaden‹. Dabei versuchten wir uns an der dialogischen Teamarbeit — eine tut etwas, die andere antwortet und so weiter. Da wir uns in den vier Wochen dieses Experiments in verschiedenen Ländern befanden, fand der Austausch lediglich über den digitalen Weg statt.

Innerhalb dieses Experimentes sollten durch ein Bilderaustausch gemeinsame Collagen entstehen. Über das Internet und unsere Dropbox funktionierten wir als visuelles Team, das in unterschiedlichen Ländern an einer gemeinsamen Aufgabe, einer Bildcollage, arbeitete. Das Mash•up, wie der Begriff schon verrät, speisten wir hauptsächlich aus gefundenem Material aus dem Netz. Dabei gab es keine inhaltlichen oder stilistischen Vorgaben, sondern nur die Inspiration durch die andere. 

Der Versuchsablauf war wie folgt: Eine Person begann etwas auf einer Zeichenfläche zu arrangieren oder zu generieren. Die andere fügte daraufhin dem Bild etwas hinzu, nahm Teile weg und generierte etwas Neues als Antwort auf den erhaltenen Bildinhalt. Das Spiel ging so lange hin und her, bis beide der Meinung waren, dass nun eine fertige und abgeschlossene Arbeit entstanden war. Dabei waren mehrere Bilddialoge gleichzeitig im Umlauf, sodass nach Lust und Laune entscheiden werden konnte, an welchem Mash•up man weiter arbeiten möchte. Anhand der einzelnen Arbeitsschritte, die nicht gelöscht wurden, ließ sich der Verlauf des entstandenen Bildes im Nachhinein nachvollziehen und der kreative Prozess der Teamarbeit konnte visualisiert werden.

pêle-mêle Experiment Designresearch Design Forschungsprojekt Kreative Teamarbeit mash-up Collage

Nachdem die Regeln während der Anfangsphase noch etwas nachjustiert werden mussten, empfanden wir das dialogische Arbeiten als die entspannteste Vorgehensweise. Die eine füllte die Lücken der anderen und langsam aber stetig arbeitet man auf eine gemeinsame Lösung hin. Ideen wurden geteilt, das Beste aufgegriffen und ständig gab es Inspiration durch den Teampartner. 

Das Ganze entwickelte sich zu einer Art Ü-Ei-Arbeitsatmosphäre. Die Aufregung stieg, wenn man die neu bearbeitete Zeichenfläche öffnete. Wenn man nicht mehr weiter wusste, konnte man das Ganze elegant der anderen zuschieben, was nicht hieß, dass man sich dem Problem nicht stellte. Viel mehr gab man eine Richtung an, eine Inspiration oder Idee, die man für gut befand, aber in dem Moment nicht in der Lage war, selbst umzusetzen. Die Gestalterin konnte dann darauf aufbauen, als Hilfe einspringen oder damit einfach weiterarbeiten. 

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Hat man ein gutes ›Pêle-Mêle‹ gefunden, dann addietiert man nicht nur, sondern multipliziert. Die Mischung der Methoden nutzen wir für die Erstellung der Projektdokumentation. Wir begannen synergetisch zusammen zu arbeiten, indem wir gemeinsam überlegten, was wir erreichen wollen — denn die gemeinsamen Ziele vor Beginn zu klären, ist eine der Grundtugenden der Zusammenarbeit. Dann arbeiteten wir getrennt voneinander mit ersten Layouts, Ideen und Texten, die erst im darauffolgenden Schritt zusammengeführt wurden (additive Kooperation). Noch einmal besprachen und überprüften wir unser gemeinsames Ziel, dann begannen wir dialogisch weiter zu arbeiten, sowohl beim Texten, als auch beim Layouten; dies machte den größten Teil unserer Arbeit aus. Die letzten Kniffe vollzogen wir dann wieder synergetisch.

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Teil des Experimentes wurden also ebenfalls die drei Hefte — Prospekt, Begleitheft und Vademekum —, die die entstandenen Produkte, deren Prozesse und das Hintergrundwissen zu den einzelnen Experimenten festhalten und präsentieren. Mit einem aus dem Umschlag heraustrennbaren Lesezeichen, kann die Verbindung zwischen den verschiedenen Heften, Texten und Bildern nachvollzogen und der Blick aus unterschiedlichen Ebenen auf das gesamte Projekt ermöglicht werden.
Das Projekt entstand als gemeinsames Hauptprojekt im Master of Communication Arts an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

2014 legten wir unser ›Vademekum‹ neu auf. Für schlappe 10 Euro sind noch einige Restexemplare bei uns zu erstehen — solange der Vorrat reicht! Einfach eine E-Mail an news@studio-nea.de schreiben und wir schicken ein Exemplar auf den Weg zu dir. Eine persönliche Abholung ist natürlich auch gern gesehen.